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Plädoyer für die Elternzeit

Ich habe vom September bis Dezember 2020 das Privileg genossen, in Elternzeit gehen zu können. Privileg deshalb, weil mein Beruf und Einkommen es zulässt, ja sogar aktiv unterstützt. Aber Privileg stimmt auch nur halb. Denn eigentlich sollte es eine Pflicht sein. Die Erziehung eines Kindes ist anstrengend, sehr sogar! So anstrengend, dass sich die Natur schon was dabei gedacht hat, zwei menschliche Elternteile dafür einzuspannen. Das sehen viele deutsche Männer aber leider nicht so.

Ca. 2,6 % der deutschen Männer nahmen 2019 Elternzeit (und ca. 42 % der Frauen). Man findet auch andere, positivere Zahlen. Dagegen nehmen ca. 90 % der schwedischen Väter Elternzeit und das sind Zahlen aus dem Jahr 2013, also vor 7 Jahren. Von hundert Männern widmen also drei deutsche Männer und 90 schwedische Männer ihren Kindern und LebenspartnerInnen die nötige Lebenszeit. Im Schnitt nehmen die 2,6 % der Väter übrigens 3,1 Monate Elternzeit. Ca. 37 % der Männer reduzieren immerhin ihre Arbeitsstunden und beziehen Elterngeld.

Das ist zwar seit Einführung des Elterngelds 2007 deutlich besser geworden, ist insgesamt aber ein noch ziemlich trauriger Befund für den deutschen Mann. Von einer gleichmäßigen und gleichberechtigten Aufteilung der Elternzeit sind wir noch weit entfernt. In den folgenden Zeilen will ich euch schildern, warum das ein großer Verlust für euch, für eure Kinder, für eure Partnerin ist.

Ängste

Es gibt vier hauptsächliche Argumente die von Vätern gegen Elternzeit vorgebracht werden: Geld, Reputation & Benachteiligung, Loyalität und Rollenbilder.

Der Grund „fehlendes Geld“ ist offensichtlich. Wer ein Kind betreut, verdient in Deutschland weniger. In der Elternzeit kriegt man vom Staat maximal 70 % des Einkommens. Ganz ähnlich wie in Schweden und anderen europäischen Ländern auch. Mehr wäre sicher schöner, aber wenig ist das nun auch nicht gerade. Zumindest für einen Großteil der Mittelschichtberufe. Schwierig wird es bei Geringverdienern oder in den Ballungszentren, wo die Mieten so hoch sind, dass ein Großteil des Elterngeldes davon aufgefressen wird. Verdient man dann noch relativ wenig, dann kann das nicht reichen. Das Geldargument ist ein harter, materieller Fakt gegen den man wenig ausrichten kann. Außer vielleicht, dass ihr während der Elternzeit vermutlich eh weniger Ausgaben habt. Groß rumreisen, Essen oder ins Kino gehen ist mit einem kleinen Baby anfangs eh kaum drin. Allerdings gebt ihr nun mehr Geld für Windeln und Erstausstattung aus (pro Tipp, vieles davon braucht man nicht zwingend).

Das Reputationsthema ist da schon interessanter. Viele Männer haben Angst in Elternzeit zu gehen, weil sie Denken, ihre Reputation auf Arbeit leide darunter bzw. dass sie dadurch Benachteiligung erfahren. Insbesondere in maskulinen oder toxischen Arbeitskontexten ist das sicher ein Thema. Männer haben Angst von ihren Kollegen dumm angemacht zu werden, „weil man ja zu Hause rumgammle während die Kollegen die Arbeit von einem machen“ oder weil Kindererziehung ja angeblich „Frauensache“ sei. „Richtige Männer arbeiten und hängen nicht zu Hause bei Frau und Kind rum“. Dabei schwingt mit, dass Kindererziehung keine richtige Arbeit sei. Das kann nur jemand behaupten, der veralteten Rollenbildern anhängt oder der keine Ahnung davon hat. Meist trifft man sowas in konservativen Branchen und eher maskulinen Arbeitskontexten an. Auch Chefs vom Typ älterer, weißer Mann mit Hang zum Narzissmus sind hier ein Problem. Man kann zwar formell während der Elternzeit nicht gekündigt werden, aber viele fürchten soziale Nachteile, wenn sie wieder in den Beruf einsteigen: weniger attraktive Aufgaben, geringere Aufstiegschancen usw. Das ist aber eher eine unbegründete Angst, denn: „Quantitative Studien für Deutschland zeigen, dass Väter durch eine Elternzeitnahme weder Einkommenseinbußen noch Nachteile in späteren Bewerbungsverfahren erfahren.“

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Argument Nummer 3 gegen die Elternzeit ist sowas wie: „es ist zu viel zu tun auf Arbeit, ich kann nicht für ein paar Monate mal aussteigen.“ Eine Studie des deutschen Instituts für Wirtschaft nennt das Thema Loyalität gegenüber Vorgesetzten oder Kunden. Insbesondere bei Selbstständigen dürfte das ein Thema sein. Wenn ihr selbstständiger Autor, Grafiker, Werbetexter, Fitness-Trainer etc. seid und nicht arbeitet, dann kommen natürlich kein Geld und keine Kunden rein. Aber auch abhängig-beschäftige halten sich oft für „unersetzlich“ auf Arbeit, sodass sie glauben, unmöglich fehlen zu können.

Oftmals ist das aber auch eine Frage antiquierter Rollenbilder. Viele Männer haben das Arbeitsethos, des männlichen Ernährers verinnerlicht. Das zeigt sich dann in Vorstellungen wie: „der Mann ist der Brotverdiener, er *muss *****arbeiten und die Frau hütet Haus und Hof.“ Dieses Familienmodell war bis in die 1970er hinein noch eine dominante soziale Norm. Damit dürften viele von uns noch durch Eltern und Großeltern sozialisiert worden sein. Und sowas spiegelt sich wider in Glaubenssätzen und Normen. Normen üben sanften Zwang auf uns aus. Wir handeln nach ihnen, weil wir implizit glauben, dass das alles schon so richtig und angemessen ist: „Die Frau versorgt die Kinder, der Mann schafft die Kohle ran.“ Mit diesem Rollenbild ist auch ein bestimmtes Arbeitsethos verbunden. Wir alle kennen Sätze wie: „Nur wer hart arbeitet, sich kaputt arbeitet, aus dem wird was.“ ******Wenn man durchs Internet scrollt dann liest man oft, dass Männer sich zu Hause nutzlos fühlen und deswegen lieber arbeiten wollen. Das Baby hängt die ganze Zeit an der Partnerin dran. Nur sie besitzt am Anfang die Geheimwaffe, ein schreiendes Baby zu beruhigen: Stillen. Das können die Männer nicht (es sei denn es gibt Pre-Nahrung per Fläschchen). Deswegen glauben sie irrtümlich, es gäbe für sie zu Hause nichts zu tun.

Das scheinen also teils profunde Gründe gegen Elternzeit der Väter zu sein. Aber, alle diese Gründe gelten gleichermaßen auch für die Mütter! Es wird als selbstverständlich angenommen, dass Frauen diese Nachteile auf sich nehmen. Ja warum eigentlich? Nur, weil sie Frauen sind?

Die Auswirkungen davon sind real: Frauen haben dadurch weniger Karrierechancen, bekommen aufgrund von Kindererziehung weniger Rente und haben allerlei andere Nachteile. Aber irgendwie sagen wir uns als Gesellschaft, dass das schon Ok ist, wenn allein die Frau diese Nachteile hat. Der Mann darf schön weiter an seiner Karriere basteln. Das ist nicht so richtig fair.

Perspektivwechsel

Ein neugeborenes Baby bringt einen krassen Perspektivwechsel! Ihr seid jetzt zu Dritt! Drei Personen mit Bedürfnissen! Und eine davon mit besonders intensiven Bedürfnissen. Die erfordern viel Aufmerksamkeit. Mehr sogar: euer Baby wird zum Zentrum aller Aufmerksamkeit. Es zieht eure Energie wie ein schwarzes Loch an, saugt sie auf. Man kann sich das zwar abstrakt im Vorfeld vorstellen, aber es zu erleben ist eine ganz andere Nummer. Auch deswegen solltest du Elternzeit machen, um das einmal zu erleben. Und auch zu erleben, wie anstrengend das ist. Dann wirst du nämlich nie wieder solche Dinge sagen wie „Kinder erziehen bedeutet nur faul zu Hause herrumsitzen“.

In den ersten paar Monaten wird das Baby ständig an euch dran hängen. Babys sind Traglinge. Sie schreien, wenn man sie nicht in der Nähe von jemanden sind. Oft schlafen sie nur, wenn man sie rumträgt und wiegt. Das bedeutet, dass einer von euch das Kind einen Großteil der Zeit tragen wird. Die Hoffnung, man könne das Baby irgendwo hinlegen und nebenher irgendwas arbeiten, erfüllt sich für viele nicht. Das bedeutet, dass sich eure verfügbare Zeit effektiv halbiert. Denn die Trageperson kann faktisch nicht mehr viel anderes tun als das Baby tragen. Was ohne Kind nur wenige Handgriffe waren, wird mit Kind auf dem Arm zum schwierigen Balanceakt. Tragetücher helfen, aber nur bedingt. Denn, man kann schlecht am Computer sitzen mit einem Baby an einem dran. Zumal die meisten Kinder unruhig werden, wenn die schaukelnden Bewegungen des Laufens aufhören. Sitzen ist nicht! Dummerweise erledigt man die meisten Aufgaben im Sitzen. Mit der Hälfte der verfügbaren Zeit könnt ihr nur noch effektiv die Hälfte der Dinge erledigen.

Ihr habt nicht nur weniger Zeit, sondern auch weniger Energie. Die endlose Müdigkeit! Das Baby wird vermutlich mit im Schlafzimmer schlafen. Eigene Kinderzimmer sind in den ersten Lebensmonaten komplett überflüssig. Es ist sinnvoller, wenn Baby zwecks Stillen in der Nähe von Mama schläft. Auch bei nächtlichen Wickelaktionen erst total übermüdet über den Flur zu schlurfen ist nicht so angenehm. Zudem auch nicht ganz ungefährlich. Also wird Baby wohl mit im Schlafzimmer schlafen, ob im eigenen Bettchen oder im Elternbett. Babys schlafen polyphasisch, also in mehreren kleine Häppchen über den Tag verteilt. Anfangs werden sie Nachts gerne 2-X mal wach und schreien. Das bedeutet, Windeln wechseln, füttern, wieder rumtragen und in den Schlaf wiegen. Als Resultat werdet ihr dauernd müde sein. 8h durchschlafen und Energie tanken ist nicht mehr drin. Great fun! Durch diese Müdigkeit sinkt euer Energielevel. Ihr seid tagsüber müde und dadurch oft auch schlechter gelaunt.

Ihr habt also nicht nur die Hälfte der Zeit übrig, sondern auch nur noch die Hälfte der Energie zur Verfügung. Effektiv habt ihr damit nur noch ein Viertel eurer normalen Produktivität zur Verfügung. Produktivität verstanden als Energie * Zeit = Anzahl der Dinge, die man erledigen kann.

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Support

Apropos Dinge, die man erledigen muss. Wenn ihr jetzt denkt: „mit dem 1/4 verbliebener Produktivität kann ich mich ja um die Arbeit kümmern“ muss ich euch enttäuschen. Die restliche verbliebene Zeit und Energie braucht ihr, um euer gemeinsames Leben und eure Beziehung zu erhalten. Die Frau sollte sich im Wochenbett nach der Geburt nicht zu viel bewegen oder strapazieren. Insbesondere, wenn die Geburt mit einer OP wie einem Kaiserschnitt verbunden war.

Dinge, wie einkaufen gehen, die Wohnung aufräumen, Spülmaschinen ein und ausräumen oder dreimal am Tag essen machen, werden logistische Herausforderungen. Die Mama kann das oft nicht machen. Folglich sollte das alles jetzt bei euch liegen (sollte, wenn ihr euch das nicht ohnehin schon vorher geteilt habt).

Ihr seid also alles andere als nutzlos zu Hause. Ihr macht nur jetzt die Form der Arbeit, die in unserer Gesellschaft nicht wertgeschätzt wird: Haus- und Care-arbeit. Und ihr werdet schnell sehen, wie anstrengend das ist.

Apropos Care-Arbeit. Ihr sorgt jetzt für zwei Personen. Und zwar direkt, durch Hilfestellungen im Alltag und nicht wie traditionell indirekt, durch des Geld ranschaffen. Diese Unterstützung für die Mama und das Baby sind wichtig. Ihr werdet ihr permanent Dinge nachtragen müssen: Stillkissen, Wasserflaschen (Hydration, so important!), verlegte Smartphones, Bücher und sonstige Dinge, die Frau so beim Stillen braucht. D.h. selbst einkaufen gehen will gut organisiert sein. Ihr wollt vermeiden, dass Mama aufstehen muss, weil das vergessene Telefon im andern Zimmer klingelt und dann Baby aufwacht.

Dazu kommt, dass eure Partnerin ja auch mal Zeit für sich braucht: zum Duschen, zum Rückbildungssport, zu Nachuntersuchungen zum Arzt gehen oder einfach nur mal im was anderes zu machen, als ein Baby zu stillen. Zum Beispiel Schlaf nachholen. Zu Dritt sein bedeutet, dass alle weniger „me-time“ haben, um einfach mal runter zu kommen. D.h. jede halbe Stunde der Entspannung will wohl organisiert sein: Wer nimmt das Baby? Kann man rausgehen? Regnet es? Sind noch genug warme Klamotten da oder muss gewaschen werden? In diesen Momenten müsst ihr einspringen. Das bedeutet faktisch: Baby rumtragen, spazieren gehen, spielen.

Eurer Partnerin und euch diese „me-time“ Phasen zu ermöglichen, indem ihr Baby einfach mal eine Stunde spazieren tragt, ist super wichtig. Ihr dreht sonst durch. Viele junge Mütter berichten von „Boreout„: ein Zustand der Unterforderung, des Ausgelangweilt sein. Das ist, wenn Langeweile zur Belastung wird. Permanentes stillen, baby rumtragen und Greiftierchen in die Hand geben ist nicht gerade das, was man als „meaningful“ bezeichnen würde. Klar, das ist alles schön und nett und wenn Baby lacht, ist das das tollste der Welt. Aber eben auch anstrengend.

Die nächtlichen Stunden, in denen man das schreiende Baby rumträgt, können zermürbend sein. Dazu wieder die Müdigkeit, die Erschöpfung und eine Prise Verzweiflung, wenn man mal wieder nicht weiß, was los ist. Das kann zu Anspannung und Stress führen. Babys sind eine Belastungsprobe für eine Beziehung. Wenn es schon vorher nicht rund lief, wird sich das vermutlich verstärken. Das ist unter anderem der Grund, dass die Scheidungs- und Trennungsrate nach der Geburt ansteigt.

Auch deswegen ist es wichtig, dass ihr da seid, dass ihr eurer Partnerin den Rücken freihaltet. Metaphorisch und auch wörtlich gesprochen: je größer euer Baby wird, desto mehr geht das Rumgetrage auch in den Rücken und die Handgelenkmuskulatur. Sehnenscheidenentzündungen oder andere Zipperlitzchen die durch das Stillen entstehen, sind keine Seltenheit. Allein deswegen ist es sinnvoll, wenn ihr auch zu Hause seid um eure Partnerin physisch zu entlasten.

Ihr seid also alles andere als nutzlos. Ihr müsst nur lernen, dass die Arbeit, die jetzt erledigt anders ist. Aber es ist dennoch Arbeit, die auch wertvoll ist und einen Nutzen hat. Wir haben uns nur als Gesellschaft dafür entschieden zu glauben, dass das keine Bezahlung wert sei. Das wird sich aber ändern wenn immer mehr Männer das selbst, am eigenen Leib erleben. Man(n) ist eher bereit für eine Veränderung einzutreten, wenn man selber davon betroffen ist. Zu erleben, wie anstrengend, aber auch unersetzlich Care-Arbeit sein kann, ist wichtig. Denn zu Hause bei eurer Frau seid ihr wirklich unersetzlich: auf Arbeit ist das vermutlich eine Illusion die ihr euch erzählt, denn niemand ist wirklich unersetzlich. Die meisten Kollegen werden nach kurzer Umgewöhnung auch ohne euch klar kommen.

Ein positiver Nebeneffekt: wenn ihr Elternzeit macht, könnt ihr in Zukunft mitreden und dem unreflektierten Kollegen Contra geben, wenn er sagt „den Haushalt schmeissen ist Weiberkram und keine richtige Arbeit!“ Er hat das offenkundig nie gemacht und dementsprechend keine Ahnung, wovon er redet. Das wird mittelfristig die Gesellschaft verändern und Elternzeit normalisieren.

Wert

Ein Baby zu haben bringt euch viel immaterielle Werte und Nutzen. Der Satz klingt sehr männlich-ökonomisch, klar. Aber das Ganze ist ein krasser Gewinn für euch als Person, als Mensch. Zu sehen wie euer Baby lachen lernt, erst unbeabsichtigt, dann später als Reaktion auf den Quatsch den ihr macht, ist unbeschreiblich. Ja, Klischee, ich weiß. Aber es ist wirklich unfassbar krass! So etwas Schönes werdet ihr sonst nirgendwo erleben. Sicher nicht im Büro!

Ein weiteres Klischee ist, „die wachsen so schnell“. Auch das ist leider wahr. Es ist unfassbar beeindruckend, wie schnell ein Baby von einem, passiven, hilflosen Geschöpf zu einem aktiven Menschen wird. Das sind zum Teil sehr subtile Veränderungen. Auf einmal macht Baby etwas, was es gestern noch nicht konnte. Es guckt immer wieder anders, bestimmter, fokussierter. Von einen Tag auf den nächsten entwickelt sich Mimik und Gestik. All das zu beobachten ist enorm spannend. Und es geht so schnell vorbei! Wenn ihr nicht in Elternzeit geht und arbeitet, verpasst ihr das alles.

Es ist ein bisschen absurd: wir geben im Jahr tausende Euros aus, um in Urlaub zu fliegen um neue, einzigartige Erfahrungen zu sammeln. Aber wenn ein Kind geboren wird, wollen wir lieber im Büro sein. Wenn ihr während der spannendsten Phase im Leben eures Babys die Hälfte der Zeit auf Arbeit verbringt, verpasst ihr viele einmalige Erfahrungen. Erfahrungen, die ihr so nirgendwo anders bekommen könnt. Ehe man sich versieht, ist das Kind wieder ein Stück gewachsen und man hat die Übergänge nicht mitbekommen. Und das ist eine Erfahrung, die ihr eigentlich nicht missen wollt. Glaubst du nicht?

Fragt man Palliativpatienten, also Menschen auf dem sprichwörtlichen Sterbebett, was sie im Leben gerne anders gemacht hätten, antworten die meisten von ihnen: weniger Arbeiten und mehr Zeit mit der Familie verbringen. Die wenigstens werden sich am Ende ihres Lebens wünschen „ach hätte ich doch an diesem Meeting teilgenommen“ oder „ach hätte ich doch diese Dienstreise mehr gemacht“. Stattdessen sagen sie sowas wie: wäre ich lieber zum Fußballspiel meines Sohnes oder meiner Tochter gegangen oder hätte ich mehr Zeit mit ihnen verbracht. Mit eurem Baby legt ihr den Grundstein dafür, dass von Anfang an richtig zu machen. Oder zumindest so gut wie euch möglich. Wenn ihr euch von Anfang an auf euer Baby einlasst und lernt, Zeit mit ihm zu verbringen, dann wird euch das später leichter fallen.

Im kosmischen Maßstab gibt es nichts Unwichtigeres als das nächste Telefonat, das nächste Item auf der To-do-Liste oder das nächste Projekt auf Arbeit. Spule die Zeit 5-10 Jahre vor und das angeblich super-wichtige Projekt wird schon wieder verblasst sein. Spule 20 Jahre vor, und niemand wird sich mehr daran erinnern. Im kosmischen Maßstab ist es wichtiger, dass wir uns um unsere Nachkommen kümmern und dafür Sorge tragen, dass sie gute, gesunde Menschen werden.

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Speaking of which…. Es gibt mittlerweile X Studien die belegen, dass die zu häufige Abwesenheit des Vaters der kindlichen Entwicklung nicht guttut. Je involvierter die Väter im Aufziehen eines Babys schon von Anfang an sind, desto gesünder, fröhlicher, selbstbewusster, selbstkontrollierter und erfolgreicher sind die Kinder dann mal im Leben. Zu große Abwesenheit oder Desinteresse von Vätern führt zu allerlei psychologischen Problemen wie Bindungsängsten, Depressionen und Verhaltensstörungen. Daher ist es schlauer lieber am Anfang der Entwicklung eines Kindes Zeit in dieses zu investieren. Sind die ach so wichtigen Projekte auf Arbeit, bei denen ihr angeblich unersetzbar seid, das wert?

Elternzeit bedeutet also einen enormen Gewinn für euch und für euer Kind. Ihr legt damit den Grundstein für eure gemeinsame Zukunft.

Alternative

Wenn Du jetzt immer noch nicht überzeugt bist stellt sich die Frage, was ist denn die Alternative? Die Alternative ist sich auf Arbeit schleppen. Das wird ungefähr so aussehen. Baby schläft Nachts anfangs noch nicht. Du wirst total übermüdet, gestresst und mit einem Viertel deiner Produktivität auf Arbeit aufschlagen. Dort wirst Du mehr Fehler machen, allein wegen des Schlafmangels. Deine To-do-Liste wird immer länger werden, weil Du nicht hinterherkommst. Das bedeutet Überstunden. Wirklich Spaß wird die Arbeit dadurch nicht machen.

Du kommst nach 8h nach Hause. Wenn Du noch 1h am Tag pendeln musst, siehst Du Deine Familie vielleicht dann 4-6 wache Stunden am Tag. Es kann gut sein, dass Baby abends, wenn Du heim kommst, dann schon langsam ins Bett will. Bedeutungsvolle Interaktions- und Kennenlernzeit wirst Du so kaum haben. Dir wird Dein Baby ein Stück weit fremd bleiben. Und umgekehrt. Zeit für Zweisamkeit ist noch knapper. Das wird an eurer Beziehung nagen, wenn ihr nicht aktiv dagegen steuert.

Zu Hause wirst Du dann noch allerlei Handgriffe erledigen müssen, weil Frau kaum dazu kommen wird, alles alleine zu tun. Es gibt ja noch allerhand Baby-Pflichttermine wie Vorsorgeuntersuchungen und den ganze Spaß mit der Bürokratie: Kind beim Einwohnermeldeamt melden, Recht auf Kitaplatz beantragen, Krankenversicherung etc.

Sich mit 1/4 der Produktivität auf Arbeit schleppen scheint mir nicht sinnvoll. Ist es da nicht sinnvoller zu sagen, ich mach mal ein paar Monate Elternzeit und nehm mich mal kurz aus dem hektischen Berufsalltag raus? Wann hat man zudem sonst mal die Gelegenheit dazu, ein paar Monate den Kopf frei zu kriegen? Nicht frei im eigentlichen Sinn, aber zumindest mal neue Eindrücke zu sammeln? Denn wie gesagt, mit so einem Baby lernt man unglaublich viel Neues und macht tolle Erfahrungen.

Team

Männer, die in Elternzeit gehen, setzen sich ein gutes Stück für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Das ist natürlich super abstrakt. Konkreter könnte man auch sagen, Du machst aktiv was für eure Beziehung.

Denn zu sagen: „mach du mal das mit dem Bab, ich geh arbeiten!“ ist egoistisch. So wie ich Beziehungen verstehe teilt man die guten aber auch die weniger guten Dinge im Leben. So wie man sich Wohnung, Nähe, schöne Erlebnisse wie Urlaube und essen gehen teilt, teilt man ja auch die negativen Erfahrungen: Man unterstützt sich gegenseitig bei Krankheit, wenn es einem Mal mies geht usw. Aber warum hört das beim Thema Kinder so oft auf? Wäre es nicht fair zu sagen „Ok, unsere deutsche Gesellschaft ist zwar rückständig und benachteiligt Kinderkriegen, aber sollten wir diese Nachteile nicht fair untereinander ausgleichen und das beste draus machen?“ Ihr seid in einer Beziehung ein Team. Ihr seid da gemeinsam drin! Solltet ihr das nicht gemeinsam bestreiten? In einer Beziehung ein Team sein bedeutet auch, dass beide die Egos ein bisschen zurückfahren. Unser Leben, unsere Familie sollte wichtiger werden als meine Karriere.

Fazit

Ich hatte diesbezüglich Glück und bin sehr dankbar dafür. Ich arbeite in der Wissenschaft, die bei diesem Thema etwas offener und progressiver ist. Klar, auch hier gibt es genügend toxische Narzissten, aber generell scheint es mir, ist man hier etwas weiter. Zudem habe ich eine weibliche Chefin, die mich in meiner Elternzeitentscheidung nicht nur massiv bestärkt hat, ja mir sogar aktiv den Rücken freigehalten hat (danke dafür!). Weibliche Chefs machen gerade bei diesem Thema einen krassen Unterschied aus!

Ich bereue keine Minute meiner viermonatigen Elternzeit. Ich habe unfassbar viel gelernt über Windeln, Krankheiten, über mich, eigene Denkmuster, über Stress, Hilflosigkeit aber auch über Beziehungen. Ich habe sehr oft das beste Lächeln der Welt genossen. Es hat sich eingebrannt in meinem Kopf. Ich habe neue Erfahrungen und neue Skills gelernt. Unfassbar wertvoll.

Es war auch mal sehr gut den Kopf von dem alltäglichen Irrsinn zu befreien. Es tut gut, mal ein paar Monate nicht an Arbeit zu denken. Dann bemerkt man erst richtig, wie viel Zeit und geistige Ressourcen Nichtigkeiten auf Arbeit verschwenden. Ich habe die Arbeit weitgehend ausgeblendet, die Twitteraktivität runtergefahren die Arbeitsemails nur sehr sporadisch angeschaut, aber nur um sie vorzusortieren und das Unwichtige gleich zu löschen.

Es ist eine Zeit die ich nicht missen möchte. Eine transformatorische Zeit, denn ich, meine Partnerin und das Baby haben sich in dieser Zeit krass weiter entwickelt. Insofern würde ich allen Vätern raten, die die Möglichkeit dazu haben, diese Chance wahrzunehmen. Das ist auch eine gute Zeit die Rollenbilder, die wir alle verinnerlicht haben, mal zu reflektieren: ist es fair, dass wir das Thema Babys den Frauen überlassen? Bin ich wirklich so unersetzlich auf Arbeit, wie ich glaube? Oder sind das nur vorgeschobene Gründe, weil man sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen will?

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